Willy Brandt (1913-1992) war 4. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (von 1969-1974) und lebte eine Zeit lang auf dem Venusberg.

      Er wurde am 18. Dezember 1913 als Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck geboren. Frahm war ein uneheliches Kind und lebte nur die allerersten Jahre seines Lebens bei seiner Mutter Martha. Dann zog er zu seinem Großvater, einem Lastwagenfahrer in einer Lübecker Fabrik, der ihm als überzeugter Sozialist von Karl Marx und August Bebel erzählte. So war sein Weg in die SPD, der er schon 1930 mit noch nicht 17 Jahren beitrat, vorgezeichnet. Er bestand sein Abitur im Jahre 1932 eher mittelmäßig, nur in Deutsch, Geschichte und Religion waren seine Leistungen überdurchschnittlich. Sein Lieblingsfach Politik (in der Schule wurde er von allen nur "der Politiker" genannt) wurde dagegen nicht unterrichtet. Als Berufswunsch gab er damals "Journalist" an.

      Schon im Oktober 1931 war er aus der SPD wieder ausgetreten und hatte sich einer linksradikalen Splittergruppe, der Sozialistischen Arbeiter Partei (SAP), angeschlossen, bei der er es bis zum Orts-Vorsitzenden brachte. Als der junge Mann im März 1933 - die SAP war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten inzwischen verboten worden - zu einem Parteitag nach Dresden reiste, gab er sich zum ersten Mal den Tarnnamen Willy Brandt. Später behielt er diesen, eigentlich nur vorübergehend gewählten Namen, dann bei.

      Von den Nationalsozialisten auf die Schwarze Liste gesetzt, mußte Brandt aus Deutschland fliehen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion setzte er mit einem Schiff nach Dänemark über, von dort ging es weiter in die norwegische Hauptstadt Oslo, in der er schnell Fuß faßte. Er richtete einen Stützpunkt für die Partei ein und studierte nebenbei noch an der Universität. Dabei kam es ihm zugute, daß ihm Sprachenerlernen noch nie Probleme bereitet hatte; Norwegisch beherrschte er bald wie seine Muttersprache. Als er 1938 aus Deutschland ausgebürgert wurde, beantragte er die norwegische Staatsbürgerschaft. Noch bevor er diese erhielt, mußte er erneut fliehen: Am 9. April begann die deutsche Invasion in Norwegen. Als norwegischer Soldat verkleidet, wurde er zwar gefangengenommen, schließlich aber wieder freigelassen. Ganz knapp gelang ihm auf Skiern die Flucht nach Schweden. Erst 1945, nach Kriegsende, kehrte er nach Norwegen zurück.

      1946 kehrte er dann auch nach Deutschland ins zerstörte Berlin zurück - im Auftrag der norwegischen Regierung. Im Mai 1948 erhielt er aber seine deutsche Staatsbürgerschaft zurück und gewann - wieder zurück in der SPD - bald an politischen Einfluß. 1953 wurde er in den Fraktionsvorstand der SPD-Bundestagsfraktion gewählt, 1957 wurde er Regierender Bürgermeister von Berlin.

      1961 und 1965 kandidierte er für das Amt des Bundeskanzlers, verlor aber jeweils gegen Konrad Adenauer und Ludwig Erhard. Diese Niederlagen schmerzten sehr, besonders trafen ihn die vielen Diffamierungen, die über seine norwegische Vergangenheit getroffen wurden. Aber schon ein Jahr später im Herbst 1966 kommt seine Chance, in der neuen Großen Koalition wird er Vizekanzler und Bundesaußenminister unter Bundeskanzler Kiesinger. 1969 wird er dann der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

      Die Dienstvilla des Bundesaußenministers war die ehemalige 11-Zimmer-Sommer-Villa mit Swimming-Pool von Heinrich Blömer im Kiefernweg 12 auf dem Venusberg. Hier zog Willy Brandt im Frühjahr 1967 ein, und hier blieb er auch, als er zwei Jahre später zum Bundeskanzler gewählt wurde - in den Kanzlerbungalow umziehen wollte er nicht. Dies bereitete aber keine weiteren Probleme, da auch der neue Bundesaußenminister Walter Scheel (FDP), der spätere Bundespräsident, keinen Drang zum Umziehen verspürte.

      Schon kurz nach seiner Wahl zum Bundeskanzler ging ein frischer Wind durch die deutsche Politik; neben der Westintegration (von Adenauer begonnen), betrieb Brandt nun auch eine Annäherung an den Osten. Diese sogenannte Ostpolitik trug in den Moskauer Verträgen (12.8.1970) und in den Warschauer Verträgen (7.12.1970), die u.a. auch die Oder-Neiße-Grenze festlegten, schon bald Früchte. Am Tag der Vertragsunterzeichnung in Warschau fiel Brandt spontan vor dem Mahnmal für die im Warschauer Ghetto von Deutschen ermordeten Juden auf die Knie, deutlicher konnte er seine friedlichen Absichten nicht bekunden. Das amerikanische Nachrichtenmagazin TIME wählte ihn daraufhin zum Mann des Jahres und am 20. Oktober 1971 wurde ihm als erstem Deutschen nach 1945 der Friedensnobelpreis zugesprochen.

      Doch Brandt konnte sich nicht lange auf seinen Loorbeeren ausruhen, der Druck gegen ihn, besonders aus Richtung der Opposition, wuchs nach und nach; nur knapp überstand er ein konstruktives Mißtrauensvotum. Auch seine deutliche Wiederwahl zum Bundeskanzler 1972 konnte seinen Entschluß nicht ändern, 1974 zurückzutreten. Dazu beigetragen hatten unter anderem auch die Enttarnung des DDR-Spions Guillaume im Kanzleramt sowie zahlreiche erlogene Skandalgeschichten über sein Leben.

      Damit verabschiedete er sich aber nicht aus der Politik, ganz im Gegenteil. Er reiste viel und wurde 1979 ins erste Europa-Parlament gewählt. Noch vor seinem Tod konnte er die deutsche Wiedervereinigung (im Jahre 1989) und die Verlegung der Hauptstadt in seine "zweite Heimatstadt" Berlin mitfeiern. Willy Brandt starb am 8. Oktober 1992 in Unkel am Rhein.


      Quellen : Bolesch/Leicht, Der lange Marsch des Willy Brandt, Erdmann; Schröck, Willy Brandt - Eine Bildbiographie, Heyne