
Jugendzeit - Theaterzeit - Springmaus - Lindenstraße - Kurz & Bündig (Privates)
Wer in Endenich an Kultur interessiert ist, wird zwangsläufig auf das Springmaus - Improvisationstheater stoßen. Eng verbunden damit ist natürlich ein Name, den man in Verbindung mit Fernsehen des öfteren hört: Bill Mockridge, „Frau Beimers Neuer“. Wir sind neugierig auf den Menschen, der sich hinter diesen Rollen verbirgt (?), und das soll auch unsere erste Frage sein:
- Wenn Sie über sich erzählen, was nennen Sie als Erstes?
Herr Mockridge:
In erster Linie bin ich Familienvater. Das ist das, was alles andere
in den Schatten stellt. Dann bin ich Schauspieler, und dann in dritter
Linie Produzent von Springmaus - Stücken.
- Wo sind Sie aufgewachsen?
Ich komme aus Kanada, bin in Toronto 1947 geboren und aufgewachsen,
bin mit 16 Jahren auf die staatliche Theaterschule in Montreal gegangen,
also sehr früh. Ich bin von der Schule weggegangen, was ich meinen
Kindern nicht verschweige. Es ist nicht nachahmenswert. Ich wußte
halt mit sechs Jahren, daß ich Schauspieler werden will.
Ich habe damals Pinocchio auf der Bühne gesehen und sofort
entschieden, daß das meine Berufung ist. Ich habe und werde mich
immer als Schauspieler verstehen, der das Glück hatte, was zu erfinden
oder ins Leben zu rufen, was so einen Riesenerfolg gehabt hat in den letzten
15 Jahren.
Herr Mockridge besuchte drei Jahre die Schauspielschule, und spielte
nach seinem Abschluß in vielen Filmen, Serien und Theaterstücken
mit.
Theaterzeit:
Da ich früh relativ erfolgreich war, wollte ich versuchen, ein
bißchen über den Tellerrand zu schauen, und bekam ein Stipendium
von der kanadischen Regierung, das deutsche Theater zu studieren.
Ich war begeistert vom deutschen Theatersystem, daß man drei
oder vier Jahre lang mit denselben Kollegen, mit denselben Regisseuren
arbeiten konnte, und so wollte ich Deutsch lernen und hier bleiben.
Man hatte mir gesagt, daß man Deutsch spricht wie man es liest,
und so habe ich Rollen gelernt, phonetisch vom Reclam-Heft, und dann bei
zehn verschiedenen Theatern in Deutschland und Österreich vorgesprochen,
Die haben mich alle nach Hause geschickt: „Daß Du Schauspieler bist,
sieht man, aber Dein Deutsch ist grauenvoll, also geh zurück nach
Kanada.“
Ein Intendant in Ulm bot dem Enttäuschten die Chance: ein Job als Regieassistent! Bei den Proben hörte er immer wieder dieselben Sätze, konnte so sein Deutsch verbessern, und sprang immer dann ein, wenn ein Schauspieler plötzlich krank wurde. Und irgendwann kam die ‘berühmte Situation’, daß ein Schauspieler kurz vor einer Premiere krank wurde, und der Regieassistent einsprang.
Mein erster deutscher Satz auf der Bühne war in einem Ritterstück.
Ich stampfte auf die Bühne in voller Ritterrüstung und sagte:
„Verdammte Scheiße, meine Rüstung rostet.“ Und das ist für
uns Kanadier, natürlich der Paradesatz. Was für euch im Englischen
das ‘th’, ist für uns das ‘r’.
Also so kam ich zum Deutschen Theater, und aus drei Monaten sind
jetzt 30 Jahre geworden.
Was folgte: drei Jahre Engagement in Ulm, fünf Jahre in Heidelberg, vier Jahre in Basel und zuletzt sieben Jahre lang in Bonn.
Irgendwann nach 20 Jahren war es nur noch ein Job hier in Bonn. Ich merkte, daß ich nach der Probe sofort verschwunden war anstatt bei den Kollegen zu bleiben, ich merkte, daß ich nicht den doppelten Einsatz brachte sondern nur den normalen Einsatz. Das lag daran, daß ich hier in Bonn das Theater Anfang der 80er ein bißchen elitär fand. Ich hatte das Gefühl, daß diese sehr künstlichen Aufführungen am Publikum vorbeigingen, daß nur für höchstens 2,5% der Bevölkerung gespielt wurde. Und so hatte ich mir gesagt, daß man irgendwas erfinden oder ins Leben rufen müsse, was mehr mit Unmittelbarkeit, mehr mit Vollblutschauspiel zu tun hat, mehr mit Spontanität und Temperament, anders als diese kopflastigen, künstlichen Theaterprodukte. Und ich erinnerte mich an Improvisationsspiele, die ich auf der Theaterschule gelernt hatte, und die waren eigentlich immer sehr publikumswirksam, die waren immer sehr witzig gewesen.
- Kann man allgemein sagen, daß die Deutschen eher zu ernsten Stücken neigen?
Die Deutschen neigen dazu, immer wieder die Ernsthaftigkeit auszuloten,
und nicht Comedy neben Tragödie zu sehen, aber so ist das Leben. Das
Leben ist nicht immer nur ernst oder tragisch, und das ist das, was die
Deutschen manchmal vergessen. Gegenüber den Nordamerikanern, die wirklich
oft Sachen sehr oberflächlich abspulen, empfinde ich das aber als
sehr positiv.
Springmaus:
März 1983 bei einen Workshop für 60 junge Studenten und Statisten fanden sich Gleichgesinnte. Das erste Springmaus-Ensemble bildete sich, und nach einem halben Jahr Proben, konnte das erste Programm, ‘matt in US Germany’, in einem Hinterzimmer der Kneipe Anno Tobak in der Kölnstraße aufgeführt werden.
Am Anfang waren nur neun oder zehn Leute da, aber dann schlug das unheimlich schnell ein. Es war sicherlich das Neuartige, was die Leute faszinieren fanden, weil die einfach ähnlich wie ich es satt hatten, diese Kunstprodukte auf der Bühne zu sehen, die man wie ein Bild im Kunstmuseum betrachten konnte. Plötzlich konnte man sagen, welchen Beruf man auf der Bühne sehen wollte und wo die Szene spielen sollte. Astronaut und Krankenschwester im Supermarkt, wurde vom Publikum gefordert. Und dann haben wir das gespielt, und das ergab eine wunderbare Szene.
- Wie übt man sowas eigentlich?
Es ist ein bisserl wie Fußball. Man übst Strukturen. Was
passiert, wenn eine Figur besonders stark wird, ähnlich wie im Fußball,
wenn ein Spieler den Ball hat und nach Vorne prescht. Die Anderen müssen
lernen, ihm zuzuliefern, müssen aber auch bereit sein, jederzeit die
Führung zu übernehmen. Man darf kein Drehbuch im Kopf fertig
haben, denn der andere weiß nicht, was man im Kopf hat. Es ist ein
unglaublich waches Theater.
Man muß eine Geschichte etablieren und den Konflikt suchen
und finden. Dann muß man den Konflikt gemeinsam miteinander eskalieren
lassen, ihn auf irgendeine Art und Weise lösen, und dann muß
man irgendwie einen Schluß daraus ziehen können. Die Krabbe
läuft immer rückwärts, sie weiß, wo sie gewesen ist,
der Schauspieler weiß, was er gesagt hat. Er hat aber keine Ahnung,
wo das hingeht. Man muß immer wissen, was man gesagt hat. Wenn ich
meine Mutter am Anfang der Szene Edith genannt habe, dann muß sie
auch Edith in der Mitte der Szene heißen... All das, was man gesagt
hast, muß man im Kopf behalten, und das ist bei einem Satz noch einfach...
Man lernt, Sachen, die man erwähnt hat, immer wieder reinzubringen,
also immer wieder von Edith zu reden. Eskalieren, Lösen und Resümieren,
aber mit den gleichen Inhalten. Das heißt nicht, daß wenn ein
bestimmtes Wort fällt, ich etwas Bestimmtes antworte; es gibt keine
Geheimsprache. Es ist einfach dieses Gefühl wie beim Fußball:
Wir müssen weiter, wir müssen über die Flanken gehen...
Das sagt man nicht, das fühlt man nur.
- Und nach so einer Aufführung sind sie dann alle total erschöpft, weil das ja wahnsinnig anstrengen ist...
Ja, natürlich, aber es ist auch ein solcher Rausch, wenn das
funktioniert, so eine Hochstimmung. Das ist was anderes als Theaterspielen...
Als ich gemerkt hatte, daß das erfolgreich wird, haben wir
in der Stadt nach einem eigenen Theater gesucht und dann in der Oxfordstraße
einen Keller zu einer sehr günstigen Miete gefunden, den wir renoviert
haben. 1984 haben wir dann das Haus der Springmaus eröffnet. Es war
sehr klein und sehr niedrig. Ungefähr sechzig Leute fanden darin Platz.
Einer mußte mal einen Ballettsprung machen und hat sich den
Kopf gestoßen.
Später haben wir dann in Endenich ein großes Theater
eröffnet, in das rund 300 Leute reinpassen. Die Bühne ist groß
genug, und wir haben sechs Büroräume, daneben ein Bistro, zwei
große Garderoben, Duschen, das Theater, die Hinterbühne, kleine
Lagerräume und ein Gästehaus für Gastkünstler. Da kann
man die nächsten zwanzig Jahre wirklich Theater machen.
- Wie entstand eigentlich ihr neues Programm 2 Bier please?
Ich bin kein Schriftsteller. Ich kann es zwar alles aufschreiben, aber ich muß es vor Publikum ausprobieren und wollte mich nicht blamieren. Und so hab ich den Udo (Inhaber der Kneipe Neue Heimat) gefragt, ob ich bei ihm proben könnte. Ich muß einfach hören: Lachen die Leute, lachen sie nicht. Hören sie zu, hören sie nicht zu. Und nach den Proben habe ich eine Diskussion mit den Leuten angeregt. Ich habe ganze Teile gestrichen und neu geschrieben und es dann wieder ausprobiert am nächsten Samstag. Ich find die ‘Neue Heimat’ ganz toll als Kunstkneipe. Vieles find ich in Endenich ganz toll. Ich bin ein begeisterter Endenicher.
- Was haben sie für die nächsten Jahre geplant?
Ich möchte gerne eine Springmaus Fernsehshow entwickeln. Das
ist aber sehr schwierig. Improvisieren im Fernsehen ist nicht einfach,
weil Fernsehen ein Medium ist, was perfekt läuft und Inperfektion
merkwürdig wirken läßt.
Lindenstraße:
- Wie hat man Sie für die Lindenstraße entdeckt?
Die haben einen neuen Mann für Mutter Beimer gesucht. Er durfte nicht zu dick aber auch nicht zu dünn sein wie der alte Hansemann. Die Autoren wie auch Mutter Beimer wollten einen kräftigen Mann haben, so einen ‘MannMann’. Er sollte einen Bart haben, mußte Humor haben und souverän sein, aber nicht zu abgeklärt. Dann hat Marie-Luise Marian unter 100 Fotos meins rausgesucht und gesagt: "Das ist er". Nach zwei oder drei Interviews, die mit laufender Videokamera gemacht wurden, damit auch der Produzent sehen konnte, wie ich aussehe und rede, hat man mir gesagt, daß ich eine Szene mit Marie-Luise im Studio spielen sollte: die erste Begegnung zwischen ihr und mir. Die Autoren haben ein Jahr lang die Rolle sehr klein gehalten, weil man sehen wollte, wie ich beim Publikum ankomme. Es macht einfach einen Riesen Spaß mit ihr zu spielen. Wir sind beide Bühnenschauspieler, sprechen dadurch dieselbe Fachsprache, und sind eigentlich sehr humorvolle, witzige Leute.
- Wie oft fahren Sie eigentlich zu den Dreharbeiten?
Das ist ganz verschieden. Ich habe manchmal einen Monat mit 9 Drehterminen, aber es gibt andere Monate, wo ich nur zweimal oder gar nicht hin muß. In der Lindenstraße gibt es verschiedene Stories. Und es gibt Zeiten, wo man nur eine ganz unwesentliche Story hat, die über Monate hinweg wichtiger und wichtiger wird und dann eskaliert. und die Führung übernimmt.
- Wie lernen Sie Ihre Texte auswendig?
Wenn ich zwei Stunden Theater zu lernen habe, dann muß ich mich einfach vormittags hinsetzen und das lernen. Bei der Lindenstraße schaue ich, ob ich „dicke Ottos“ zu spielen habe. Die lerne ich einen Tag vorher. Sonst muß ich gestehen, lerne ich beim Fahren zum Studio, was natürlich nicht sehr vorbildhaft ist.
- Haben Sie bei den Dreharbeiten einmal etwas Witziges erlebt?
Ja, wir hatten mal eine solche Situation [in der Lindenstraße], wo es ums Musizieren an Weihnachten ging. Ich mußte der Marie-Luise sagen, daß sie auch etwas beitragen könne, da ich doch eine Flöte im Wohnzimmer gesehen hätte. Darauf mußte sie sagen: „Seitdem Hans [ihr früherer Mann] aus dem Haus ist, hab ich seine Flöte nicht mehr angefaßt.“ Und ich habe das voll zweideutig verstanden, und fing immer an zu lachen. Und dann war es aus. Ich glaube, daß wir 25 Mal versucht haben, diesen Take zu drehen bis der Regisseur einmal gebrüllt hat...
- Sie werden sicherlich öfters auf der Straße angesprochen. Kennt man ihr Gesicht durch die Lindenstraße oder durch die Springmaus?
Also hier in Bonn auch durch Theater. Aber sonst... Für mich
als Schauspieler war es eine ganz eigenartige Erfahrung, daß ich
in Österreich oder in der Schweiz, Italien, Frankreich und auch in
Kanada bekannt geworden bin. Aber ich hab das gern. Ich sage auch, daß
ich kein Schauspieler geworden bin, um in der Anonymität zu leben.
Ich hab ja ein Geltungsbedürfnis.
Kurz & Bündig: Fragen & Antworten
- Hobbies:
Ich segle gern, und habe auch ein Boot in Kanada.
- Lieblingsort in Endenich:
Pferdebrunnen
- Irgend etwas, was ihnen an Endenich nicht gefällt:
[Seine Frau antwortet für ihn:] Es gibt zu viele Frisöre und Bäcker, aber kein schönes Café, wo man sich hinsetzen kann.
- Sind Sie ein autoritärer Vater?
Ich will immer strenger sein, als ich eigentlich sein kann. Ich bin ein lauter Vater, aber ich glaub nicht sehr streng. Wir lachen auch sehr viel. Samstag oder Sonntag sehen wir ab und zu englische Filme. Aber wir sind sechs bis sieben Wochen im Jahr in Kanada und da sprechen die Kinder nur Englisch.
- Wieviele Autogramme geben sie täglich?
Wenn ich in Endenich bin, dann vielleicht nur zwei, weil die Leute mich inzwischen alle schon kennen. Wenn ich in der Stadt und unterwegs bin, muß ich immer so zwanzig bis dreißig Karten dabeihaben.
- Und wie alt sind die Leute, die ein Autogramm von Ihnen möchten?
Ganz gemischt. Von 5 bis 80 Jahren.
- Ihr typischer Tagesablauf
6 Uhr: Der Wecker klingelt. Die Jungen fürs Gymnasium fertigmachen.
7 Uhr: Die Jungen für die Grundschule fertigmachen.
8 Uhr: Die Jungen für den Kindergarten fertigmachen.
Dann arbeite ich von 9 bis 12 Uhr am Schreibtisch, von 12 bis 13
Uhr koche ich, von 13 bis 15 Uhr versuchen wir Ruhe zu halten. Von 15 bis
18 Uhr bringe ich die Kinder zum Baseball, zum Fußball, zum Klavierunterricht.
Dann heißt es wieder: Kinder abholen.
19 Uhr gibt's Abendessen, 20 Uhr sind die ersten am Schlafen. Die
bekommen auch Geschichten vorgelesen. 20.30 Uhr ist Nummer Drei auch am
schlafen, und 21.30 Uhr müssen die zwei Großen eigentlich ins
Bett.
- Wie oft werden sie von Leuten wie uns mit Fragen gequält?
Zweimal im Jahr machen wir für Zeitschriften eine Familiengeschichte. Nach dem Motto: „Können wir Sie bitte beim Wickeln Ihres Kindes photographieren?“
- Welche besonderen kleinen Macken haben sie?
[Sein Sohn antwortet für ihn]: Er schnarcht beim Schlafen.
- Herr Mockridge, wir danken ihnen für dieses Interview.